KI im E-Commerce: Warum strategische Führung wichtiger ist als reine Automatisierung
Das e-commerce magazin zeichnet in einem Interview mit Wolfgang Schilling, Gründer und Geschäftsführer von Ad Agents, ein anderes Bild: KI und Algorithmen können operative Aufgaben in der…

Der große KI-Mythos lautet: Automatisierung übernimmt schon. Das e-commerce magazin zeichnet in einem Interview mit Wolfgang Schilling, Gründer und Geschäftsführer von Ad Agents, ein anderes Bild: KI und Algorithmen können operative Aufgaben in der Kampagnensteuerung übernehmen, doch die strategische Verantwortung bleibt beim Unternehmen. Der Engpass verlagert sich damit vom Klick-Tracking hin zu Daten, Zielvorgaben und einer klaren Steuerung über die gesamte Kundenreise.
Vom letzten Klick zum System
Performance-Marketing habe sich laut Schilling in rund 20 Jahren grundlegend verändert. Früher ging es vor allem darum, nachvollziehen zu können, welche Anzeige zum Kauf geführt hat; der letzte Klick und der direkte Abverkauf standen im Mittelpunkt. Heute fließen zusätzlich Informationen über Nutzerverhalten, Interessen und Interaktionen entlang der gesamten Customer Journey in die Kampagnensteuerung ein.
Für den Online-Handel bedeutet das: Eine Anzeige ist nicht mehr nur ein einzelner Abschlusspunkt. Sie kann Teil eines Systems sein, das vom ersten Kontakt bis zum Kauf reicht. Wer weiterhin nur den letzten Klick bewertet, lässt einen wesentlichen Teil des Funnels außerhalb seiner eigenen Betrachtung. Das ist, als würde man den Erfolg eines Stores nur an der Kasse messen und ignorieren, ob jemand zuvor überhaupt hineingefunden hat.
Auch für Content- und Pinterest-Strategien ist dieser Perspektivwechsel relevant. Ein Pin, ein Blogbeitrag oder ein Social-Media-Inhalt ist nicht automatisch wertlos, wenn er nicht unmittelbar zum Kauf führt. Seine Rolle kann bereits früher beginnen: beim ersten Kontakt, beim Aufbau von Interesse oder bei der Markenwahrnehmung. Entscheidend ist, dass diese unterschiedlichen Aufgaben im System sichtbar bleiben und nicht in einer einzigen kurzfristigen Erfolgsmessung verschwinden.
Daten sind der eigentliche Engpass
Im e-commerce magazin wird die wachsende Bedeutung unternehmenseigener Daten hervorgehoben. Als Reaktion auf Datenschutzregularien und das Ende von Drittanbieter-Cookies gewinnen sie für die Kampagnensteuerung an Gewicht. Gleichzeitig reichen mehr Daten allein nicht aus, um Automatisierung sinnvoll zu machen.
Die Quelle nennt dafür eine klare Grenze: Gute Ergebnisse entstehen nur mit den richtigen Daten und Zielvorgaben. Das klingt unspektakulär, ist aber der Punkt, an dem viele Systeme unnötig kompliziert werden. Wenn niemand definiert hat, was entlang der Kundenreise wichtig ist, darf man sich nicht wundern, wenn die Automatisierung am Ende nur sehr zuverlässig das durcheinanderbringt, was vorher unsauber war.
Die praktische Frage lautet deshalb nicht zuerst: Welche KI soll alles übernehmen? Sondern: Welche Daten liegen tatsächlich vor, welche Lücken bestehen zwischen erstem Kontakt und Kauf, und welche Ziele sollen Kampagnen überhaupt erreichen? Erst danach lässt sich entscheiden, welche Aufgaben automatisiert werden können und welche Kontrolle im Unternehmen bleiben muss.
Kontrolliert automatisieren
Die Entwicklung stellt Unternehmen vor eine doppelte Aufgabe. KI-gestützte Systeme übernehmen viele operative Schritte, während die Marke weiterhin über verschiedene Kanäle hinweg konsistent geführt werden muss. Automatisierung ist damit kein Freifahrtschein für gedankenloses Skalieren. Sie ist – durchaus unspektakulär – eine Verstärkung für die Struktur, die bereits existiert.
Bevor weitere Kampagnen, Pins oder Inhalte hinzukommen, lohnt sich ein kurzer Systemcheck:
- Welche Daten werden vom ersten Kontakt bis zum Kauf systematisch erfasst?
- Welche Rolle spielen einzelne Inhalte und Kanäle innerhalb der gesamten Kundenreise?
- Sind die Ziele der Kampagnen klar genug, damit Automatisierung danach steuern kann?
- Welche Aufgaben dürfen automatisiert laufen – und wo braucht es weiterhin die strategische Kontrolle?
- Wird die Marke über alle Kanäle hinweg konsistent positioniert?
Wer diese Fragen beantwortet, verhindert zumindest den klassischen Fehler, mehr Technik in ein unklares System zu setzen. Die KI muss nicht die Strategie ersetzen. Sie muss innerhalb einer funktionierenden Strategie arbeiten.
Die eigentliche Aufgabe für Unternehmen besteht also nicht darin, der Automatisierung blind hinterherzulaufen. Sie müssen ihre Daten in den Griff bekommen, ihre Ziele definieren und die Kontrolle behalten. Sonst wird aus Performance-Marketing am Ende nur ein schnelleres Grundrauschen – und niemand weiß mehr, welcher Inhalt eigentlich etwas bewegt hat.
Die spannende Frage ist deshalb nicht, wie viel KI ein Unternehmen einsetzt. Sondern: Welche Entscheidung will es dieser Technik noch selbst überlassen – und welche auf keinen Fall?